Anthropic startet ein eigenes Programm für die Arzneimittelentwicklung. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen schon in der frühen, präklinischen Phase Software einsetzen, um potenzielle Wirkstoffe schneller zu finden und früher zu sortieren, noch bevor Studien am Menschen beginnen.
Anthropic steigt früher in die Medikamentenentwicklung ein
Zum Start richtet Anthropic den Blick auf Krankheiten, die von großen Pharmakonzernen oft liegen gelassen werden, weil sich Forschung und spätere Vermarktung wirtschaftlich kaum tragen. Los geht es in der frühen, präklinischen Phase.
Dort soll Software dabei helfen, mögliche Wirkstoffe schneller zu identifizieren und zu priorisieren, also in einem Stadium, in dem noch keine Studien an Menschen laufen.
Der Schritt fällt auf, weil Anthropic bislang vor allem durch seine Sprachmodelle bekannt ist. Jetzt will das Unternehmen nicht mehr nur Werkzeuge für Forschungsteams bereitstellen, sondern selbst Programme für die Wirkstoffsuche aufsetzen.
Aus Sicht von Anthropic passt das zur eigenen Struktur als gemeinwohlorientiertes Unternehmen. Diese Rechtsform macht es möglich, auch Projekte zu verfolgen, bei denen der medizinische Bedarf groß ist, das Marktpotenzial aber klein.
Gerade bei seltenen oder vernachlässigten Krankheiten ist die Pipeline der Industrie oft erstaunlich dünn, obwohl Patienten dringend auf neue Therapien warten.
Claude Science gibt Zugang zu wissenschaftlichen Daten
Die Hoffnung richtet sich vor allem auf den Anfang der Entwicklung. Bevor klinische Studien überhaupt starten können, müssen Forscher mögliche Targets bewerten, Literatur und Datenbanken durchforsten und aus einer großen Zahl denkbarer Moleküle diejenigen herausfiltern, die am ehesten etwas taugen.
Wenn dieser Schritt schneller wird und die Trefferquote steigt, könnte das die gesamte Entwicklung verkürzen.
Wie groß die Erwartungen sind, zeigt eine oft zitierte Einschätzung von Novartis-Chef Vas Narasimhan. Seiner Ansicht nach dauert Medikamentenentwicklung heute im Schnitt rund 12 Jahre, bei einer Erfolgsquote von gerade einmal 8 Prozent. Mit modernen Rechenmethoden könnten daraus 7 bis 8 Jahre werden, bei einer Erfolgsquote von 16 Prozent.
Mit Claude Science bietet Anthropic nun eine Forschungsplattform an, die nach Unternehmensangaben mit mehr als 60 wissenschaftlichen Datenbanken verbunden ist, darunter Quellen für Genomik, Proteomik und Einzelzell-Analysen.
Frühe Beispiele und harter Wettbewerb im Biotech-Markt
Als frühe Anwendungsfälle nennt Anthropic unter anderem einen Forscher der University of California, San Francisco (UCSF). Er soll eine virale Kontamination innerhalb weniger Minuten erkannt haben, obwohl ein Team sie zuvor ein Jahr lang übersehen hatte. In einem weiteren Beispiel, das Anthropic anführt, wurden 100 seltene genetische Krankheiten in weniger als einer Stunde analysiert; 32 Kandidaten markierte das System für weiterführende Screenings.
Allein ist Anthropic damit nicht. Auch DeepMinds Isomorphic Labs, OpenAI und eine Reihe spezialisierter Anbieter drängen in den Gesundheitssektor.
Einer Erhebung aus dem Jahr 2024 zufolge setzten 81 Prozent der Pharmaunternehmen bereits softwaregestützte Verfahren in mindestens einem Entwicklungsprogramm ein. Dieselbe Erhebung kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass der Wert solcher Partnerschaften von 2024 auf 2025 um 120 Prozent gestiegen ist.
Die größten Hürden kommen erst später
Trotz aller Bewegung in diesem Bereich bleiben klinische Studien, Sicherheitsprüfungen und regulatorische Verfahren bestehen. Dazu kommen offene Fragen zu Verzerrungen in Datensätzen, zur Nachvollziehbarkeit, zu Fehlinterpretationen und zur Verantwortung.
Bislang hat Anthropic nicht genauer erklärt, wie das Unternehmen mit späteren Entwicklungsphasen, Zulassungen oder der klinischen Validierung umgehen will. Genau an dieser Stelle entscheidet sich am Ende, ob aus schnellerer Entdeckung tatsächlich neue Medikamente für Patienten werden.
Downloads: Download Claude für Android und iOS