Chinas Tech-Konzerne reagieren auf den akuten Mangel an KI-Fachkräften, indem sie beim Recruiting deutlich früher ansetzen. Die Suche nach jungen Talenten beginnt nun schon an Schulen.
Der Engpass im KI-Sektor, einem der wichtigsten Zukunftsfelder des Landes, ist der Grund dafür. Wie angespannt die Lage inzwischen ist, zeigt ein Beispiel aus Hangzhou: Ein 13-Jähriger hat bereits nationale Wettbewerbe gewonnen und sich mit seinen Projekten eine Online-Community von mehr als 136.000 Followern aufgebaut. Für Unternehmen sind solche Fälle längst keine bloße Kuriosität mehr, sondern ein Hinweis darauf, wie früh sie Talente finden müssen.
Fachkräftemangel erhöht den Druck
McKinsey zufolge könnte China bis 2030 im KI-Bereich vor einer Lücke von 5 Millionen Fachkräften stehen. Schon heute gibt es laut McKinsey mehr offene Stellen als qualifizierte Bewerber.
Der Bedarf zieht sich außerdem quer durch den Arbeitsmarkt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres entfielen in China fast 4 von 10 Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger auf den KI-Bereich.
Auch der Staat versucht gegenzuhalten. Das chinesische Ministerium für Humanressourcen und soziale Sicherheit hat gemeinsam mit JD.com, Baidu und Alibaba Online-Rekrutierungskampagnen organisiert, um Tausende Stellen im KI-Bereich zu besetzen.
Tencent, ByteDance und Geely bauen Förderprogramme aus
Viele Unternehmen bauen deshalb ihre eigenen Talent-Pipelines aus. Tencent hat Camps für 13- bis 18-Jährige gestartet. Dort geht es unter anderem um Produktmanagement für intelligente Software und um Quantencomputing.
ByteDance-Gründer Zhang Yiming hat außerdem ein Forschungsprogramm mitgegründet, das pro Jahr nur 30 Schülerinnen und Schüler auswählt und die Jugendlichen als Vollzeit-Trainees aufnimmt.
Besonders weit geht Geely. Der Autobauer rekrutiert inzwischen direkt an weiterführenden Schulen, qualifiziert die Jugendlichen parallel zum Studium in Software-, Fahrzeug- und Zukunftstechnologien und garantiert ihnen danach einen Job zum üblichen Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen.
Abschlüsse verlieren an Bedeutung
Mit dem früheren Recruiting verändert sich auch das Anforderungsprofil. Das Start-up MiniMax betont zwar, keine Highschool-Schüler einzustellen. Einen Universitätsabschluss behandelt das Unternehmen aber nicht mehr als zwingende Voraussetzung.
Wichtiger sind Neugier, Lernfähigkeit und nachweisbares Talent.
Ähnliche Signale kommen auch aus den USA. Google-Mitgründer Sergey Brin hatte zuletzt erklärt, dass Abschlüsse für Google immer seltener zwingend seien. Für junge Talente ist das ein bemerkenswerter Wandel. Wer mit sichtbaren Projekten, Wettbewerbserfolgen und technischem Gespür überzeugt, bekommt dadurch früher Chancen.
Schulen sollen den Nachwuchs systematisch vorbereiten
Mit dem „AI Plus Education Action Plan“ wollen Chinas Bildungsbehörden intelligente Technologien stärker im Unterricht verankern.
In Peking sollen ab September 2025 alle Grund- und Sekundarschüler pro Schuljahr mindestens 8 Stunden KI-Unterricht erhalten.
Ganz lösen dürfte das den Fachkräftemangel trotzdem nicht. 2024 hatten 38 Prozent der weltweit führenden Forscher im KI-Bereich ihren Bachelor in China gemacht, später arbeiteten aber nur 11 Prozent auch dort.
Die frühe Förderung dürfte den Fachkräftemangel damit nicht vollständig beheben.