Google hat mitgeteilt, dass das Warnsystem Android Earthquake Alerts in Venezuela bei zwei schweren Erdbeben etwa 11,4 Millionen Menschen noch vor den heftigeren Erschütterungen erreicht hat. Für einen Teil der Betroffenen ging es dabei laut Google um ein paar entscheidende Sekunden , in manchen Fällen sogar um fast zwei Minuten Zeit zum Reagieren. Das reichte, um sich von Fenstern zu entfernen, Schutz zu suchen oder empfindliche Geräte abzuschalten. Vor allem in Ländern, die kein eigenes Netz aus Messstationen haben, wird daran ziemlich greifbar, was smartphonebasierte Warnsysteme im Alltag bringen können.
Kritische Lücke ohne nationales Warnnetz
Google zufolge handelte es sich um zwei Beben mit den Magnituden 7,2 und 7,5, zwischen denen nur rund 39 Sekunden lagen.
Die ersten Smartphones registrierten die Primärwellen des ersten Bebens laut Google schon nach drei Sekunden. Weitere sechs Sekunden später wurden die ersten Warnmeldungen verschickt.
Weil sich die Wellen beider Erdbeben überschnitten, deutete Android Earthquake Alerts die Lage laut Google zunächst als ein einziges großes Ereignis.
Die Hinweise kamen nach Angaben des Unternehmens trotzdem bei vielen Nutzern noch rechtzeitig an. In Venezuela wiegt das besonders schwer, weil es dort bisher kein nationales Warnnetz gibt, das diese Aufgabe übernehmen könnte.
Google verschickt Erdbebenwarnungen nach eigenen Angaben ab einer Magnitude von 4,5.
Das System arbeitet dabei mit drei Alarmstufen, von einfachen Hinweisen bis zur höchsten Warnung „Take Action“. In Venezuela wurden laut Google fast 1,4 Millionen dieser Warnungen der höchsten Stufe versendet.
So funktioniert das System auf Android-Handys
Android Earthquake Alerts nutzt die Beschleunigungssensoren in Android-Smartphones und macht daraus ein verteiltes, crowdsourcingbasiertes seismisches Netz. Damit entsteht eine Alternative zu klassischer Sensorinfrastruktur.
Registriert ein Smartphone die ersten, meist noch schwächeren P-Wellen, sendet es anonyme Signale zusammen mit einer groben Standortangabe an Googles Server.
Gehen in kurzer Zeit viele ähnliche Meldungen aus derselben Region ein, kann Android Earthquake Alerts ein Erdbeben erkennen, seine Stärke einschätzen und Warnungen verschicken, im besten Fall noch bevor die stärkeren und meist deutlich zerstörerischeren S-Wellen eintreffen.
Der große Pluspunkt dabei: Es braucht keine teuren Spezial-Sensoren, die flächendeckend im Boden installiert werden müssen.
Besonders wertvoll in Ländern ohne klassische Messnetze
Nutzer können das System laut Google inzwischen in fast 100 Ländern verwenden. Seit 2019 ist die Reichweite nach Angaben des Unternehmens von rund 250 Millionen auf etwa 2,5 Milliarden Menschen gewachsen.
Gerade für Regionen mit knappen Ressourcen ist das relevant, weil dort keine engmaschigen staatlichen Sensornetze betrieben werden wie in Japan, Mexiko, Kanada oder den USA.
Ganz ohne Schwächen ist der Ansatz allerdings nicht.
Wer sich nahe am Epizentrum befindet, bekommt oft kaum oder gar keine Vorwarnung, weil die gefährlichen Erschütterungen dort schneller eintreffen als die Benachrichtigung auf dem Handy. Dazu kommt, dass die Qualität des Systems stark von der Zahl aktiver Android-Geräte abhängt. In ländlichen Gegenden oder dünn besiedelten Regionen wird die Abdeckung schnell schwieriger.
Warnung allein reicht nicht aus
Dazu kommen Lücken bei der Geräteabdeckung.
In Ländern ohne staatliches Warnsystem bekommen iPhone-Nutzer womöglich keine vergleichbaren Hinweise, weil Apple kein ähnliches crowdsourcingbasiertes Erdbeben-Netz betreibt.
Und dann ist da noch die Frage der Vorbereitung.
Experten zufolge wussten in Venezuela manche Bewohner nicht genau, wie sie auf die Warnungen reagieren sollten. Smartphone-Alarme können Leben retten. Aufklärung und belastbare nationale Frühwarnsysteme ersetzen sie trotzdem nicht.